Reisebricht 2011


Am späten Abend des 6. April 2011 machte sich eine Gruppe aus 17 Personen, hauptsächlich Stipendiaten und Alumni der Studienstiftung des deutschen Volkes, in einem kleinen Reisebus auf den Weg zu einem Segeltörn auf dem Ijsselmeer. Nach einer langen nächtlichen Fahrt kam die Segelcrew im Hafen des niederländischen Orts Stavoren am Liegeplatz des Plattbodensegelschiffes „Balder“ an. Nachdem sämtliches Gepäck und diverse Kisten voller Essensvorräte an Bord verladen und die kleinen Kajüten bezogen worden waren, versammelten sich alle Hobbysegler in wetterfester Kleidung an Deck und fuhren nach einer Einweisung durch den Skipper hinaus aufs Ijsselmeer.  

Wetter und Wind waren günstig und so kam die Balder zügig auf Fahrt. Alle Mitsegler waren aktiv beteiligt, indem sie zum Beispiel unter vollem Körpereinsatz die Segel hissten und bei den Manövern in Position brachten. Nachdem der Skipper noch eine Extrarunde gedreht hatte, um seine Besatzung beim Kreuzen richtig auszulasten, passierte das Schiff am Nachmittag die Schleuse und gelangte aus dem Binnenmeer hinaus ins Wattenmeer.  

Am frühen Abend wurde im Hafen von Harlingen angelegt, wo es genügend Zeit für einen Landgang mit Einkaufsbummel gab. Zurück an Bord bereitete das Kochteam das Abendessen vor, anschließend wurden Töpfe und Schüsseln einfach an Deck gebracht und die gesamte Segelcrew genoss ein reichhaltiges Buffet unter freiem Himmel. Danach gab einer der Teilnehmer eine theoretische Einführung in die Knotenkunde zur Vorbereitung auf den praktischen Teil, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Es folgte ein Spieleabend im Gemeinschaftsraum, bevor alle zum Schlafen in die Kojen stiegen. 

Als am nächsten Morgen alle in einem Duschhaus geduscht und anschließend reichlich gefrühstückt hatten, wurden die Segel gesetzt und das Schiff hinaus aufs Wattenmeer gesteuert. Das Wetter war auch an diesem Tag wieder sehr gut und so konnten sich die Segler zwischendurch einfach an Deck in die Sonne legen, wenn sie einmal gerade nicht aktiv an den Segeln mitarbeiten mussten, um Wenden oder Halsen zu fahren. Besonders kreative Talente offenbarten sich bei dem „Knoten-Workshop“, bei dem neben dem Erlernen von altbewährten Seemannsknoten auch eigene neue Knotenkreationen geschaffen wurden.

Nachdem das Schiff am frühen Nachmittag eine Sandbank voller Seerobben passiert hatte, wurde die Balder in Sichtweite der Nordseeinseln Vlieland und Terschelling außerhalb der Fahrrinne auf Grund gefahren, um in den folgenden Stunden das „Trockenfallen“ im Watt zu erleben. Als die Ebbe so weit fortgeschritten war, dass das Schiff nur noch wadentief im Wasser lag, gingen die meisten Segler in Gummistiefeln von Bord und unternahmen eine kleine Wattwanderung. Drei besonders abgehärtete Mitglieder der Crew wagten nach der Rückkehr zum Schiff sogar ein kurzes Bad im kalten Wattenmeer.  

Nach dem Abendessen folgte ein umfangreiches Vortrags-Trio über Navigation gestern und heute. Die Navigation mit Sextant, Karte und Sternen oder Peilungspunkten an Land wurde dabei anschaulich und verständlich diskutiert. Das Problem der Längengradmessung wurde genauer unter die Lupe genommen. Viele ausgeklügelte, aber komplizierte Verfahren wurden seinerseits erfunden, um die geographische Länge der Schiffsposition zu messen. Überraschend war die banal klingende Lösung des Problems, die Entwicklung robuster und präziser Uhren, sogenannter Chronometer. Letztere wurden erst in neuerer Zeit durch die Einführung der Satelliten-Navigation abgelöst. Dieser besonders spannende Teil der Vortragsserie wurde jedoch vom Skipper unterbrochen, als der Wasserstand wieder hoch genug zum Weitersegeln war. Die Balder segelte daraufhin in einen malerischen Sonnenuntergang. Im Halbdunkel wurde die Vortragsserie mit faszinierenden Einblicken in die Methodik der GPS-Navigation komplettiert, die auf simulatanen Zeitsignalen von möglichst vielen Satelliten beruht, jedoch unerwartet tiefe Physik enthält. So müssen die modernen Atomuhren an Bord der Satelliten auf den Effekt der Zeitdilatation korrigiert werden, der eine Konsequenz der speziellen Relativitätstheorie Einsteins ist. Und noch aufregender: Uhren laufen in verschiedenen Höhen über dem Erdboden nicht exakt gleich schnell. Auch hier hat Einstein seine Fingerabdrücke hinterlassen. Diesmal allerdings mit seiner noch viel komplizierteren allgemeinen Relativitätstheorie, mit der Physiker heute die Gravitation beschreiben. Ohne Korrekturen aus diesen exotisch anmutenden Theorien wäre jede Satellitennavigation unrettbar zum Scheitern verurteilt. Es ist verblüffend zu sehen, wie sehr wir heute von Entwicklungen in der Grundlagenforschung abhängen, von denen auch heute noch fast jeder glaubt, sie gehörten in den Bereich der Esoterik..

Bevor wieder ein Spieleabend eingeläutet wurde, wurden die Anker des Schiffs zu Wasser gelassen, da die folgende Nacht auf See verbracht werden sollte. Die Nacht war sternenklar, und so zog es einige auch später nochmals an Deck. Sternkonfigurationen wurden identifiziert, und mit einem Feldstecher wurden der Orionnebel, einige Sternhaufen und der Andromedanebel beobachtet.

Am darauffolgenden Morgen wurden die Anker schon sehr früh gelichtet, weil an diesem Tag eine größere Distanz zurückgelegt werden sollte. Der Wind war immer noch gut und wehte in Richtung Land. So segelte die Balder vor dem Wind, was den Eindruck einer Flaute erzeugt, obwohl das Schiff zügig voran kommt. Bereits am frühen Nachmittag passierte das Schiff wieder die Schleuse zum Ijsselmeer und steuerte den Ort Makkum an. Dort nutzten die Segler die Gelegenheit für einen längeren Landgang, besichtigten den Ort mit seinen Kanälen und genossen Kaffee und Eis in der Sonne vor einem Straßencafé.

Nach dem letzten gemeinsamen Abendessen fuhr die Balder pünktlich zum Sonnenuntergang aus dem Hafen, denn es stand das „Nachtsegeln“ auf dem Programm. Mit Heißgetränken versorgt segelte die Crew bei beißender Kälte unter dem Nachthimmel auf dem Ijsselmeer. Gegen 1 Uhr morgens ging die Balder erneut auf offener See vor Anker. Der Ankerplatz wurde relativ nahe des Zielhafens von Stavoren gewählt, da der Wetterbericht für den nächsten Tag eine Flaute angekündigt hatte. In dieser letzen Nacht bekam die Crew nur wenig Schlaf. Einige entschieden sich für ein weiteres geselliges Beisammensein mit Spielen, andere verbrachten den größten Teil der Nacht an Deck unter dem Sternenhimmel.

Am folgenden Morgen hingen die Segel schlaff und die Balder kam nur langsam voran. Nach einigen Stunden war dennoch der Hafen von Stavoren erreicht. Die letzte Etappe musste jedoch mit Unterstützung des Motors zurückgelegt werden, um pünktlich den Bus zu erreichen. Immerhin war das Wetter schön und die Segelcrew konnte den Rückweg nach Stavoren größtenteils in der Sonne liegend verbringen. Auch wurde an diesem Vormittag zum Abschluss ein Referat über Schiffsbautechniken damals und heute gehalten. Interessant war dabei, dass sich gerade in jüngster Zeit mit der Entwicklung von ultraleichten Rennsegelbooten völlig neue Segelkonfigurationen und Schiffsrümpfe – zumindest für Spezialeinsätze – bewähren. Das Segeln ist also weiterhin eine dynamische Wissenschaft, die sehr stark von den Entwicklungen in der Materialforschung, der Physik und den enormen Möglichkeiten der Computersimulation auf leistungsstarken Rechnern profitiert.

Viel zu schnell war das Ende des Segeltörns erreicht und es ging zurück nach Berlin, wo alle Teilnehmer reichlich erschöpft, aber begeistert von den erlebnisreichen Tagen auf See ankamen. Ein Nachtreffen fand bereits statt und Fotomaterial wird derzeitig ausgetauscht und zusammengestellt.